A solitary figure facing a group of faceless people
Personal Essays

Eine Frage zur Unzeit

Manche spielen Samariter. Doch hinter der Fassade begegnete mir keine Menschlichkeit, sondern ein Anspruch.

A note on language
This personal essay appears in German, the language in which these events unfolded. It remains in that language to preserve the author’s voice and the nuances of the exchanges recalled here.

Auf der Suche nach Hoffnung

Es war ein kühler Herbstabend im Jahr 2014. Ich erinnere mich noch gut an das leise Summen meines Laptops. Die Welt schien aus den Fugen geraten. Die Nachrichten erzählten von Völkermord, von fallenden Dörfern, vom brennenden Şingal und von verschwundenen Frauen. Yazidis wurden erneut verkauft und entwürdigt.

Und wir hier in Deutschland saßen zitternd davor. Wir mussten ständig online sein, eigentlich immer.

Ich scrollte durch Facebook, wie so oft in diesen Wochen, und suchte nach Hoffnung, nach Stimmen, die für uns sprachen, nach Nachrichten, die es im Mainstream nicht gab.

Da stieß ich auf einen Mann, der sich öffentlich für Yazidis einsetzte.

Er wirkte gepflegt und korrekt, mit Brille, ordentlicher Frisur und einem Hemd, das bis zum Kragenknopf geschlossen war. Er sah aus wie jemand, dem man gerne Verantwortung überträgt, weil er den Eindruck von Ordnung vermittelt. Seine Posts klangen engagiert; mit plakativen Slogans trat er als Mahner für Gerechtigkeit auf.

Ich las seine Beiträge, sah Spendenlinks und schrieb ihm, höflich und dankbar:

„Danke, dass Sie sich für mein Volk einsetzen.“

Ich likte seine Beiträge, fast schon anbiedernd. Heute schäme ich mich dafür.

Ich erwartete keine Antwort.

Eine Frage zur Unzeit

Doch sie kam. Und dann, keine zehn Zeilen später, schrieb er:

„Warum darf ich keine Jesidin heiraten?“

Ich starrte auf den Bildschirm. War das ernst gemeint? Eine Provokation?

„Ich verstehe die Frage nicht ganz“, antwortete ich vorsichtig. „Inwiefern spielt das eine Rolle?“

Er schrieb sofort:

„Wenn ich euch helfe, wenn ich mich für euch einsetze, warum sollte ich dann nicht eine von euch heiraten dürfen? Schließlich tue ich mehr als die meisten Jesiden!“

Es wurde kalt in mir. Er fragte nicht einfach nach unserer Religion. Er zählte seinen Einsatz auf und leitete daraus ab, warum ihm zustehen sollte, eine von uns zu heiraten. Aus Solidarität war ein Anspruch geworden. Während wir um unser Volk fürchteten, musste ich ihm erklären, dass sein Engagement ihm kein Recht auf eine Yazidin gab.

Ich erklärte ruhig: Unsere Gemeinschaft kennt keinen Übertritt. Man wird nicht einer von uns, indem man es will. Ich versuchte ihm zu erklären, welche Bedeutung Abstammung und Endogamie in unserer Gemeinschaft haben, und wählte meine Worte mit Bedacht. Ich wollte ihn nicht gegen uns aufbringen.

Seine Antwort:

„Dann seid ihr selbst schuld an eurem Untergang.“

Da war kein Missverständnis mehr, das ich mit einer weiteren Erklärung hätte ausräumen können. Ich wollte das Gespräch beenden, aber er ließ nicht nach. Ich wurde wütend und sagte ihm:

„Wenn das die Art und Weise ist, wie du Yeziden helfen willst, dann lass uns sterben! Wir fliehen vor dem IS, weil wir den Islam nicht annehmen. Und du, typisch Christ! Typisch Europäer! Du beanspruchst etwas, das nicht dir gehört. Ich sterbe lieber, als Hilfe von so jemandem wie dir zu nehmen.“

Doch es war nicht vorbei.

„Hauptsache, er bringt uns weiter“

Am nächsten Morgen kamen Nachrichten von Aktivistinnen und von Männern, die ich schätzte. Sie hatten Post von ihm bekommen.

„Diese Frau ist keine echte Jesidin.“

Das schrieb nun ein Mann über mich, dem ich am Abend zuvor noch für seinen Einsatz gedankt hatte.

Er hatte meine Worte verdreht und mich bei anderen angeschwärzt. Und das Erschreckende war: Manche glaubten ihm. Einige beleidigten mich, andere redeten auf mich ein, als wäre meine Wut das Problem, das es nun zu lösen galt.

„Selbst wenn du recht hast“, schrieb mir eine Bekannte, „er hilft uns. Du kannst ihn nicht einfach angreifen.“

Ich sagte:

„Er will keine Gerechtigkeit. Er will eine Ezidi. Nähe. Kontrolle.“

„Na und?“, schrieb ein anderer. „Hauptsache, er bringt uns weiter.“

Ich schloss den Laptop. Ich war nicht müde vom Schreiben, sondern vom Beweisen und Erklären, vom Überleben zwischen den Zeilen.

Ich sah ihn nie wieder, weder im echten Leben noch in Nachrichten oder Kommentaren. Aber seine Worte hallten nach:

„Dann seid ihr selbst schuld.“

Er verschwand aus meiner Liste, aber nicht aus meinem Gedächtnis.

Was geblieben ist

Was mich bis heute wütend macht, ist nicht nur sein Satz über unseren Untergang. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen aus meiner eigenen Gemeinschaft anschließend von mir verlangten, meine Wut herunterzuschlucken. „Selbst wenn du recht hast“, schrieb eine Bekannte. Sie hielt es also für möglich, dass ich recht hatte. Trotzdem sollte ich schweigen. Weil er uns half. Weil man ihn brauchen konnte.

Ich hatte unsere Regeln nicht gebrochen. Ich hatte ihm erklärt, warum unsere Gemeinschaft keinen Übertritt kennt, und mich geweigert, aus seinem Einsatz einen Anspruch auf eine von uns werden zu lassen. Doch ausgerechnet ich wurde zurechtgewiesen. Für meine Worte musste ich geradestehen; seine sollten wir übergehen. Wie konnte man von mir verlangen, unsere Tradition zu achten, und mich gleichzeitig dafür maßregeln, dass ich sie gegenüber einem vermeintlichen Unterstützer vertrat?

Diese Heuchelei lässt mich nicht los. Unsere Regeln sollten gelten, solange ihre Verteidigung keinen nützlichen Kontakt gefährdete. Unsere Zugehörigkeit sollte unantastbar sein, bis ein Fremder sie einer von uns absprach. Dann reichte seine Reichweite offenbar aus, um mich zur Angeklagten zu machen.

Die Hand, die einen füttert, beißt man nicht: So klangen diese Antworten für mich. Aber wer fütterte hier eigentlich wen? Wer für Yazidis Spenden sammelt und politisch auftritt, darf sich deshalb nicht jeder Kritik entziehen. Unser Leid ist kein Freibrief. Reichweite begründet keinen Anspruch auf Gehorsam, und Unterstützung verpflichtet keine von uns, eine solche Behandlung hinzunehmen.

„Hauptsache, er bringt uns weiter.“ Dieser Satz war keine Antwort auf das, was geschehen war. Er war die Bereitschaft, darüber hinwegzugehen. Ich sollte den Preis dafür bezahlen, dass andere seinen Support nicht verlieren wollten.

Ich hatte in einem Herbst, in dem unser Volk um sein Überleben kämpfte, nach Hoffnung gesucht. Deshalb hatte ich ihm geschrieben. Dafür schäme ich mich heute nicht mehr. Schämen sollten sich diejenigen, die mir erklärten, ich müsse seine Worte ertragen, weil er nützlich sei.

Ich bin noch immer wütend. Auf ihn, aber auch auf jene, die unsere Gemeinschaft verteidigen wollten und dabei bereit waren, eine der Ihren fallenzulassen. Sie mussten ihm nicht zustimmen, um ihn zu schützen. Es genügte, mich zum Schweigen bringen zu wollen.

Text by Şêx Alam-ad-Dîn al-Hassan